Geisternetze: Die unsichtbare Gefahr für unsere Meere
Schätzungen von UNEP und FAO zufolge verschwinden 640.000 Tonnen Fischereigeräte jedes Jahr im Meer. Verlorene Netze, Leinen und Reusen treiben unbemerkt durch die Ozeane – und töten dabei still und unaufhörlich weiter. Was sich wie ein Horrorfilm anhört, ist Realität: Geisternetze gehören zu den gefährlichsten Abfällen im Meer. Und ihre Auswirkungen betreffen nicht nur Tiere – sondern auch uns, denn sie landen auf Umwegen wieder auf unserem Teller.

Was sind Geisternetze?
Geisternetze – auf Englisch „Ghost Nets” – sind verlorene, weggeworfene oder absichtlich entsorgte Fischereigeräte. Dazu gehören Stellnetze, Schleppnetze, Reusen, Langleinen und Hummerkörbe. Sie versinken auf dem Meeresboden, treiben im offenen Ozean, verhaken sich an Korallenriffen oder Schiffswracks.
Die Ursachen sind vielfältig: Stürme reißen Netze von Booten, sie verheddern sich in anderen Netzen oder an Unterwasserhindernissen. Manche Fischer und Fischerinnen werfen sie auch bewusst ins Meer – weil die Entsorgung in Häfen zu teuer ist oder schlicht keine Infrastruktur existiert. Einmal im Wasser, sind sie für Menschen kaum noch sichtbar. Für Meerestiere jedoch sind sie allgegenwärtig und tödlich.

Wie viele Geisternetze gibt es wirklich?
Die genaue Menge ist schwer zu erfassen und genau das ist das Problem – doch die Zahlen sind alarmierend:
Das Beunruhigende: Netze aus Nylon, Polypropylen oder Polyethylen brauchen 400 bis 500 Jahre, um sich vollständig zu zersetzen. Ein heute verlorenes Netz wird noch im Jahr 2500 im Meer treiben.
Stille Killer: Was Geisternetze mit Meerestieren machen
Der Begriff „Geisterfischerei” trifft es genau: Verlorene Netze fischen einfach weiter. Ohne Fischer, ohne Kontrolle, ohne Ende. Wale, Delfine, Robben, Meeresschildkröten, Haie, Seevögel – sie alle verfangen sich in diesen unsichtbaren Fallen.
Der Tod ist qualvoll: Meeressäuger und Schildkröten ertrinken, weil sie nicht mehr an die Oberfläche gelangen. Andere Tiere verhungern, weil sie sich beim Befreiungsversuch erschöpfen. Einschneidendes Netzmaterial verursacht schwere Verletzungen und Infektionen. Besonders tragisch: Gefangene Tiere locken Aasfresser an – die sich ihrerseits im Netz verfangen. Ein Teufelskreis ohne Ende.
Jährlich sterben über 136.000 Robben, Wale und Meeresschildkröten durch verloren gegangenes Fischereigerät – das ist die Schätzung des UN-Umweltprogramms UNEP. Die reale Zahl dürfte noch höher liegen, denn viele Opfer sinken unbemerkt auf den Meeresgrund.
Besonders dramatisch ist die Lage für den Schweinswal in der Ostsee. Sein Bestand ist auf wenige Hundert Tiere geschrumpft. Geisternetze sind dabei eine der wesentlichen Todesursachen – eine Population, die kaum noch Verluste verkraften kann.
Auch Korallenriffe leiden massiv: Schleifende Netze brechen Korallen ab, bedecken sie und nehmen ihnen das Licht. Korallenriffe wachsen nur wenige Zentimeter pro Jahr – solche Schäden sind praktisch irreversibel.
Geisternetze und Menschen: Eine unterschätzte Gefahr
Geisternetze sind nicht nur ein Problem für Tiere. Sie bedrohen auch Menschen – auf direktem und indirektem Weg.
Gefahr für Fischer und Taucher
Treibende Netze können sich um Schiffsschrauben wickeln und Boote manövrierunfähig machen. Für Sporttaucher sind Geisternetze unsichtbare Todesfallen: kaum zu erkennen, oft mit Algen bewachsen, und wer sich darin verfängt, kann ertrinken. Besonders beliebte Tauchgebiete über Wracks und Riffen sind betroffen.
Mikroplastik auf unserem Teller
Die langfristig größere Gefahr für Menschen ist subtiler: Fischernetze zersetzen sich im Laufe der Jahrzehnte zu Mikroplastik – Partikel kleiner als 5 Millimeter. Diese Partikel werden von Fischen, Muscheln und anderen Meeresfrüchten aufgenommen.
Forschungen im Mittelmeerraum haben Mikroplastik in Fischen und Meeresfrüchten nachgewiesen, die für den menschlichen Konsum bestimmt waren. Besonders betroffen sind Muscheln: Als Filtrierer konzentrieren sie Plastikpartikel aus dem Wasser – eine Portion Muscheln kann Tausende Plastikpartikel enthalten.
Wo treten Geisternetze besonders häufig auf?
Geisternetze kommen weltweit vor, aber einige Regionen sind besonders betroffen:
Für Deutschland ist die Ostsee der wichtigste Schauplatz. Das EU-Projekt MARELITT Baltic hat allein in der westlichen Ostsee über 400 Hektar Meeresboden kartiert und an zahlreichen Stellen Geisternetze nachgewiesen.
Was wird dagegen getan?
Die gute Nachricht: Es gibt Menschen und Organisationen, die nicht reden, sondern handeln.
Die Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V. – Geisternetzbergung mit Herzblut
Zwei bis fünf Mal im Jahr bricht ein Team der Gesellschaft zur Rettung der Delfine e.V. (GRD) auf, um Geisternetze aus der deutschen Ostsee zu holen – hauptsächlich rund um die Insel Rügen. Was einfach klingt, ist harte, körperliche Arbeit unter extremen Bedingungen.
Ehrenamtliche Taucherinnen und Taucher steigen bis in 25 Meter Tiefe, oft direkt an versunkenen Wracks, wo sich jahrzehntealte Schleppnetze verhakt haben. Bei Wassertemperaturen um die 8 °C und mit starken Strömungen schneiden sie die Netze Stück für Stück frei, bündeln sie mit Lift Bags und bringen sie an die Oberfläche. Jede Bergung ist ein echter Einsatz – teils werden mehrere hundert Kilogramm, manchmal über eine Tonne, in wenigen Tagen aus dem Meer geholt. Insgesamt hat die GRD e.V. bisher mehr als zehn Tonnen Geisternetze aus der Ostsee geborgen.
Alle Informationen zu aktuellen Aktionen und Projekten der GRD e.V. findest du auf delphinschutz.org.

Was wir bei ColorSwell tun
Wir stehen nicht nur hinter dieser Arbeit – wir sind Teil davon. Seit 2019 unterstützen wir die GRD e.V. dauerhaft und haben bislang 13.433 € gespendet, die direkt in die Geisternetzbergungen in der Ostsee fließen. Die GRD e.V. nennt uns als Partner, der geborgene Netze zu schönen Accessoires weiterverarbeitet – und genau das ist unser Ansatz: Aus dem, was das Meer zurückwirft, wird etwas Bleibendes.
Doch unser Engagement beginnt nicht erst in der Werkstatt. Bei unseren Reisen entlang der europäischen Atlantikküste sammeln und sortieren wir selbst angeschwemmte Geisternetze und alte Fischerseile. Über 100 kg haben wir so von den Stränden geholt – einen Großteil davon direkt zu unseren handgefertigten Schmuckstücken weiterverarbeitet. Upcycling, das man spüren kann. Seil für Seil.

Gemeinsam handeln
Geisternetze sind ein riesiges Problem und das kannst du konkret dagegen tun:
Fazit: Ein unsichtbares Problem mit realen Folgen
Geisternetze sind keine abstrakte Bedrohung irgendwo am Ende der Welt. Sie liegen vor unserer Haustür – in der Ostsee, in der Nordsee, im Mittelmeer. Sie töten täglich Tiere, zerstören Ökosysteme und landen als Mikroplastik in unserem Essen.
Die Lösung erfordert Menschen, die nicht wegschauen – sondern handeln. Wir tun es. Die GRD tut es. Und mit deiner Unterstützung können wir noch mehr erreichen. 640.000 Tonnen verloren – pro Jahr. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Entscheidung. 🌊
